Lucid air sapphire: der amerikanische stromer, der porsche alt aussehen lässt!
Jens-Peter, unser Testpilot, ist bekannt für seine zurückhaltende Art. Ein knappes „passt so“ oder ein lakonisches „bueeeno“ sind seine Standardantworten. Doch bei der Frage, was den Lucid Air Sapphire ausmacht, entfuhr ihm ein Ausruf: „Selbst im Stau kann man hier noch 300 fahren!“ Eine Aussage, die die unglaubliche Beschleunigung dieses Hochvolt-Boliden auf eine Weise zusammenfasst, wie es kaum besser geht.
Ein exot auf dem deutschen markt
Bevor wir uns dem brachialen Schub der drei Elektromotoren widmen, sollten wir klären, worum es überhaupt geht. Der Lucid Air ist in Deutschland immer noch ein absoluter Exot. Er entstand aus dem ehrgeizigen Bestreben, einen Tesla zu bauen, der besser ist. Viele Köpfe, die zuvor bei Tesla gearbeitet hatten, darunter auch der ehemalige CEO Peter Rawlinson, schlossen sich zusammen, um ein Auto zu entwickeln, das mehr ist als nur eine rollende Multimedia-Schnittstelle. Die Vision: Ein Premium-Elektroauto, das so innovativ wie ein Tesla, so hochwertig wie ein Mercedes und so leistungsstark wie ein Porsche ist – eine Art „heilige Dreifaltigkeit“ der Automobilwelt. Und obwohl das ambitioniert klingt, trifft diese Beschreibung auf den Sapphire erstaunlich genau zu, insbesondere in Bezug auf die Verarbeitung, die amerikanische Standards entspricht.
Das Interieur erinnert mit seinem gebogenen Bildschirm hinter dem Lenkrad an den Taycan, der aufsteigende Bildschirm in der Mittelkonsole an den EQS, und das großzügige Leder- und Alcantara-Ambiente strahlt eine raffinierte Eleganz aus, die an McLaren und Co. erinnert. Die Benutzeroberfläche, die dem Markennamen (Lucid – also klar) treu bleibt, ist intuitiv und übersichtlich, obwohl sie mit umfangreichen Funktionen ausgestattet ist. Ein Fragezeichen bleibt jedoch: Warum fällt es deutschen Herstellern immer noch so schwer, digitale Inhalte überzeugend zu gestalten?

Technologischer pionier mit beeindruckenden werten
Die wahre Faszination des Air Sapphire liegt jedoch in seiner technologischen Vorreiterrolle. Abgesehen vom Rimac Nevera war er das erste Serienfahrzeug, das den Viertelmeilenlauf in unter neun Sekunden absolvierte. Er ist das erste Elektroauto, das mit über 300 kW geladen werden kann, und in weniger extremen Varianten auch die erste elektrische Limousine, die mit einer einzigen Ladung fast 1.000 Kilometer zurücklegen kann. Diese beeindruckenden Werte sind vor allem auf die riesige 118-kWh-Batterie zurückzuführen, die mit einer außergewöhnlich hohen Spannung von über 900 Volt arbeitet. Diese speist drei Elektromotoren, ähnlich wie beim Tesla Model S Plaid: zwei an der Hinterachse, integriert in einem kompakten Modul, das auch Inverter und Kühlung beherbergt, und einen an der Vorderachse. Gemeinsam liefern sie bis zu 1.940 Nm Drehmoment und 1.251 PS – genug, um jeden menschlichen Verstand zu benebeln.
Besonders hervorzuheben ist, dass der Sapphire mit normalen Reifen nahezu die gleiche Beschleunigung von 0 auf 100 km/h erreicht wie der Taycan mit Rennreifen, während seine Traktionskontrolle Gewalt und Sensibilität auf bemerkenswert harmonische Weise kombiniert. Und was noch beeindruckender ist: Jenseits der 250 km/h, wo der Taycan anfängt, leicht an Dynamik zu verlieren, drückt der Lucid einfach weiter. Seine Ingenieure betonen stolz, dass die maximale Leistung länger verfügbar ist als die theoretisch mögliche Beschleunigung. Übersetzt: Der Wagen erreicht seine 330 km/h-Begrenzung, bevor seine Motoren anfangen, an Leistung zu verlieren – eine Behauptung, die wir bestätigen können. Dieses Auto kehrt die übliche Beziehung zwischen Brems- und Beschleunigungsphasen um. Wer in der Autobahnspur kleine Lücken nutzt und dabei Vollgas gibt, verbringt mehr Zeit mit Bremsen als mit Beschleunigen.
Und das scheint den serienmäßigen Keramikbremsen überraschend wenig zu kümmern. Sie bieten einen guten Pedalgefühl und einen konstanten Ansprechdruck. Erst bei höheren Geschwindigkeiten beginnen die reinen Bremswerte aufgrund der enormen Masse, die selbst mit normalen Reifen letztendlich überwiegt, zu leiden. Damit kommen wir auch zum Schwachpunkt in Bezug auf das Fahrverhalten. Obwohl dieser Gigant überraschend schnell und präzise einlenkt und lange neutral bleibt, fehlt es ihm letztendlich an Grip, um seine 2.412 Kilo effektiv zu kontrollieren. Das gilt insbesondere, da die adaptive Fahrwerksabstimmung des Sapphire relativ konventionell aufgebaut ist – ohne aktive Stabilisatoren, wie sie bereits viele Konkurrenten in dieser Gewichtsklasse verwenden. Das Ergebnis ist ein solider, agiler Eindruck, der jedoch nicht an die teutonische Präzision eines Taycan Turbo GT herankommt.
Im Fahrgefühl nähert sich der Sapphire eher einem BMW M5 an, ohne jedoch dessen Kurvengeschwindigkeit zu erreichen. Doch an der Fahrergrenze, wo beim Taycan immer dieses angespannte Gefühl aufkommt, wenn die gesamte explosive Kraft von hinten drückt, verteilt der Sapphire den Drehmoment so intelligent, dass man seine Leistung bereits ab dem Scheitelpunkt optimal nutzen kann. Hier zeigt sich deutlich der Vorteil seiner beiden Heckmotoren, die ein deutlich aktiveres Torque Vectoring ermöglichen als der einzelne Heckmotor des Taycan.
Kurz gesagt: Eine wirklich ernstzunehmende Leistung für ein Auto, das in diesem Land kaum jemand kennt. Und man sollte eines nicht vergessen: Der Lucid Air ist im Kern bereits fünf Jahre alt. Für ein Elektroauto ist das fast schon biblisches Alter. Doch davon ist kaum etwas zu spüren, abgesehen vielleicht von der thermischen Verwaltung. Die Ladezeiten und die Batterieleistung sind nicht mehr ganz auf dem Niveau der aktuellen Stromer-Elite.

Fazit: ein amerikanischer stromer mit europäischem fahrgefühl
Der Lucid Air Sapphire fährt sich auf eine extrem europäische Art und Weise, obwohl er aus Amerika kommt. Das Fahrverhalten ist charaktervoll, der Vortrieb bietet eine brutale Explosivkraft und seine elektronischen Systeme demonstrieren eine beeindruckende Sensibilität. Ein Auto, das die Grenzen des Möglichen neu definiert und die Automobilwelt nachhaltig prägen wird.